Bericht im "DER SONNTAG" am 02.November 2003 - von Alexander Huber

Das große Ziel heißt jetzt Basel

Die Bemühungen um die Rückkehr des Lachses zeigen Erfolge,

doch auf der letzten Wegstrecke gibt es viele Hürden

Wir wollen bereit sein", sagt Andreas Hertig, Fischereibiologe beim Schweizer Umweltbundesamt in Bern. Bereit sein, wenn der König der Fische, der Lachs, wieder nach Basel zurückkehrt -dorthin, wo er noch bis spät ins 19. Jahrhundert hinein so verbreitet war, dass die Dienstmädchen und -boten der Basler Oberschicht nur mit Mühe durchsetzen konnten, dass sie nicht mehr als dreimal in der Woche den Fisch vorgesetzt bekamen, der uns heute als Delikatesse gilt - vor allem, wenn er noch aus freier Natur stammt.

Bis es soweit ist, bis der Lachs die letzte Hürde vor Basel nehmen wird - das Stauwehr in Markt - werden freilich noch einige Jahre vergehen. Wieviele, das möchte keiner so genau sagen, denn der Lachs ist auch ein Politikum. Seine und die Wiederansiedlung anderer Wanderfische, die einst im Rhein und seinen Nebenflüssen heimisch waren, kostet Geld, das bekanntlich zurzeit eher knapp ist.

Trotzdem kann Anne Schulte-Wülwer-Leidig zufrieden sein mit dem, was bislang erreicht wurde. Denn in Wirklichkeit geht es um vielmehr als „nur" um einen Fisch. „Der Lachs ist ein Symbol für die umfassende Sanierung des Rheins", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin der Internationalen Kommission zum Schütze des Rheins (IKSR). Vor allem bei der Wasserqualität hat sich soviel getan, dass sie, - insgesamt gesehen -kein Hindernis mehr darstellt, um auch empfindliche Flussbewohner vom Leben im Rhein abzuhalten.

Was nun im Vordergrund steht, ist eine Veränderung der Flusslandschaft, damit sie den Fischen wieder einen passenden Lebensraum bietet. Für Lachse, Meerforellen, Aale und viele weitere Fische heißt das vor allem: Die Möglichkeit zu haben, ungehindert wandern zu können. Deshalb galt in den vergangenen Jahren das Hauptaugenmerk den Kraftwerken und Stauwehren im Rhein, die nach und nach mit Fischtreppen und ähnlichen Einrichtungen ausgestattet werden sollen.

Dabei musste so manches Lehrgeld gezahlt werden, gibt der Fischereiexperte Hajo Wetzlar vom Regierungspräsidium in Freiburg zu. Einige der frühen Fischpässe wurden von den Tieren schlichtweg nicht akzeptiert. Wertvolle Erfahrungen holten sich die Biologen in den USA und Kanada, wo die Bemühungen um lachsgerechte Gewässer schon weiter gediehen sind als in Europa.

Der jüngste Fischpass im Rhein wurde vor drei Jahren in Iffezheim eröffnet - und den haben jährlich immerhin schon bis zu 14000 Fische benutzt, darunter bis zu 370 Meerforellen und 100 Lachse. Im kommenden Jahr soll der Bau einer Fischtreppe bei Gambsheim beginnen.
Lachse können erstaunlich Höhenunterschiede überwinden. Um die Lebensgewohnheiten der Wanderfische zu studieren werden Meerforellen, deren Verhalten den selteneren Lachsen ähnelt, mit Sendern ausgestattet un d über Antennen geortet. Fotos : DDP/ZVG
Doch die letzten etwa hundert Kilometer vor Basel sind kompliziert Etliche Kraftwerke auf französischer Seite müssten fischtauglich gemacht werden, was sich kurzfristig kaum realisieren lässt. Die Franzosen haben darum vorgeschlagen, für eine Übergangszeit den Lachsen bei ihrer Wanderung unter die Flossen zu greifen - per Lkw-Transport. Ab Breisach stellt sich dann die spannende Frage: Werden Lachs und Co. den Altrhein wieder, wie in früheren Zeiten, für ihre Wanderungen nutzen? Dazu musste es Mindestwassermengen geben, die die Electricité de France (EDF) am Stauwehr Markt in den Altrhein leiten lässt. Ein alter Streitpunkt, doch es sieht so aus, als wäre die EDF im Zuge der neuen Konzession zur Nutzung der Wasserkraft zu Zugeständnissen bereit.

Der Altrhein spielt eine Schlüsselfunktion bei der ersehnten Rückkehr des Lachses. Selbst ehemals Brutgebiet, führt das Rheinstück zwischen Breisach und Basel direkt zu den Rheinnebenflüssen, die - so weiß man aus historischen Aufzeichnungen - die wichtigsten Kinderstuben waren: unter anderem die Wiese und die Birs.

Ob auch die Nachfahren diesen Lebensraum wieder akzeptieren würden, möchten nun nicht nur die Schweizer in einem international organisierten Versuch herausfinden. Zu diesem Zweck werden zurzeit 15 Meerforellen mit Radiosendern ausgestattet, um so deren Wege nachverfolgen zu können. Schließlich wollen die Eidgenossen schon bereit sein, wenn Franzosen und Deutsche ihren Teil getan haben. Doch selbst dann dürfte es noch viele Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte dauern, bis einheimischer Lachs wieder regelmäßig auf der Speisekarte steht. Und der Mensch wird weiter nachhelfen müssen. Andreas Hertig: ,,Auch wenn man den Lachs bis nach Basel gebracht hat, wird man wohl vorerst nicht völlig auf bestandsstützende Jungfischbesätze verzichten können."
Fakten:

<< Lachs und Co.>>
Lachse gehören zu den Weitwanderfischen, die im Süßwasser geboren werden, ins Meer wandern und zum Laichen an ihre Geburtstätten, meist im Oberlauf der Flüsse, zurückkehren. Zu den Wanderfischen zählen auch Meerforellen (eine Spielart der Bachforelle), das Meerneunauge, der Maifsch und der beinahe ausgestorbene europäische Stör. Auch andere Fische können weite Strecken zurücklegen - es wurde von Flundern in Basel berichtet. Zu den wichtigen Wanderfischen zählt außerdem der Aal, er reist in umgekehrter Richtung. (hu)
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